Am 30. September diesen Jahres feiert der unschlagbare Großmeister des gehobenen Schlagerchansons, UDO JÜRGENS, seinen 75. Geburtstag. Der begnadete Sänger, Komponist und Pianist aus Kärnten ist 2009 agiler und aktiver denn je. Im Frühjahr vor einem Jahr erschien die phänomenale Studio-CD „Einfach ich“; Anfang 2009 begab sich das gefeierte Idol mehrerer Generationen von Popfreunden einmal wieder auf eine seiner berühmten Marathontourneen, die Ende Oktober fortgesetzt wird und bis in die Adventszeit hineinreicht.
Aus Anlaß von Udos Fünfundsiebzigstem, veröffentlichte seine langjährige Plattenfirma Ariola/SONY eine proppevolle Doppel-CD mit dem so schlichten, wie prägnanten Titel „Udo Jürgens – Best of“. Diese beinhaltet 38 Klasse Titel aus den Jahren 1965 bis 2009, chronologisch gereiht, die wichtigsten Facetten des Künstlers repräsentierend - aber eben nur ein winzig kleiner Ausschnitt aus dem umfangreichen Opus des Geburtstagskindes, das bisher weit über 80 LPs bzw. CDs aufgenommen hat.
„Best of“ geht los mit dem für damalige Schlagerverhältnisse äußerst ungewöhnlichen, weil drastisch, heftig, laut arrangierten Heavy-Schlager „Siebzehn Jahr – Blondes Haar“ (1965) – ein unverbrüchlicher Evergreen, ein Fetenreißer, den man einfach mitsingen MUSS, ob man will oder nicht; letztlich längst deutsches Kulturgut, das bis heute auf keinem Konzert des Jubilars fehlen darf.
Mit der grandiosen Abschiedsballade „Merci Cherie“ konnte Udo Jürgens 1966 zum ersten und (bisher) letzten Male den Grand Prix Eurovision de la Chanson (heute platt „Eurovision Song Contest“ genannt, und seit 15/20 Jahren aufgrund von Kommerzialisierung und inhaltlicher Verflachung OHNE derartige Ewigkeitshymnen auskommen müssend) für seine Heimat Österreich gewinnen.
Ein Jahr später folgte das opulent inszenierte, teils klassisch, dann wiederum jazzig, und zugleich rockig anmutende Monumental-Chanson „Immer wieder geht die Sonne auf“; ein erneuter Top-20-Hit für den Lebemann aus Klagenfurt, der übrigens seit einiger Zeit sowohl die österreichische, als auch die schweizerische Staatsbürgerschaft besitzt, da er überwiegend in Zürich lebt, wo er auch sein eigenes Tonstudio betreibt.
Daran anschließend hören wir die realen Superknaller, die Udo Jürgens in den 70ern geschrieben hat und die heutzutage noch genauso aktuell, beliebt, begehrt und gefeiert sind, wie zu ihrem Entstehungszeitpunkt.
Der knackige Bluesrocker „Ein Ehrenwertes Haus“ (1974) etwa, der sich mit spießbürgerlicher Doppelmoral auseinandersetzt, die melancholische Heimwehballade schlechthin, „Griechischer Wein“ (dto.), der ironische, wiegende, streicherverzierter Boogierocker „Mit 66 Jahren“ (1977) und natürlich Udos immerwährendes Erkennungszeichen „Aber bitte mit Sahne“ – ein oft missverstandener Titel, dessen bitterböser Text eine Form von beißendem Zynismus in sich trägt, den nicht wenige „Nebenbei-Udo-Hörer“ bis heute nicht haben nachvollziehen können.
Im Laufe der 70er wurde Udo inhaltlich zunehmend zeit- und gesellschaftskritischer. So z.B. in dem brodelnden Swing/Jazz/Blues-Verschnitt „Eine Hand ist keine Faust“, in dem er eindeutig gegen linksideologisch verblendete Jugendliche, kommunistische Krawallmacher und Terroristen Stellung bezieht.
Seinem neun Jahre jüngeren Bruder Manfred Bockelmann, einem international viel beachteten Maler und Photographen, widmete der unverbesserliche Frauenheld 1977 die grazile Freundschaftserklärung „Mein Bruder ist ein Maler“, kein Tophit zwar, aber ein dauerhafter Fan-Favorit.
Mondän, elitär, edel, ertönte 1979 der sacht swingende Hochglanzpopper „Ich weiß, was ich will“, einer DER Udo-Lielingssongs des Verfassers dieser Zeilen überhaupt. Ein Lied, das man nur einmal gehört haben muß, um es lebenslang nie mehr zu vergessen: Versinnbildlichte Romantik, Sehnsucht, ja auch prickelnde Erotik pur, verbunden mit einer enorm eingängigen Melodie, die man eigentlich nur als genial bezeichnen kann.
Aus Udos damaligem Album „Udo ´80“ wurden für „Best of“ darüber hinaus die seinerzeitige Erkennungsmelodie der ARD-Fernsehlotterie „Ein Platz an der Sonne“ unter dem Titel „Ist das nichts?“, sowie das knapp sechsminütige, dramatische Epos „Tausend Jahre sind ein Tag“ berücksichtigt.
1981 – in jenem Jahr schlug die Verbundenheit des damals zehnjährigen Rezensenten zu Udos Musik ihre Wurzeln – veröffentlichte das Kärntner Multitalent gleich zwei faszinierende Alben. Dies waren – deutsch gesungen – „Willkommen in meinem Leben“ im Frühjahr und – nun auf Englisch intoniert – „Leave a litte Love“ im Herbst.
Derjenige Kollege, der die Ehre hatte, die aktuelle „Best of“ zusammenzustellen, ist vermutlich ein radikaler Fan von „Leave a…“. Gleich drei (!) Titel aus diesem außergewöhnlichen, zwar in künstlerischer Hinsicht durchgehend geradezu betörend ausgefallenen, aber kommerziell vollkommen durchgefallenen Opus, finden sich auf vorliegender Doppel-CD: „The Music Player“, „Walk away“ und „If I never sing another Song“ – diese phantastischen Kompositionen beweisen unwiderlegbar, daß Udo Jürgens für den europäischen Raum nicht mehr und nicht weniger darstellt, als das, was „Ol’ Blue Eyes“ Mister Frank Sinatra für die USA (und seine Millionen Fans rund um die Welt) bedeutete – selbst, wenn Frankie-Boy aufgrund einer Karrierepause „If I never sing…“, von Udo eigentlich für ihn geschrieben, einst an seinen Kollegen Sammy Davis jr. abgetreten hatte, der von jenem Zeitpunkt an bis zu seinem Tod jeden (!) Auftritt mit ebenjenem Titel beendete.
Aus „Willkommen in meinem Leben“ kommen der ironische Ragtime „Vielen Dank für die Blumen“ (zu meiner Kinderzeit als Titelmelodie für die freche Zeichentrickserie „Tom & Jerry“ eingesetzt – das war für uns damals, jeden Dienstag im 18.20 Uhr im Zett-De-Eff, reines Pflichtprogramm!), die brachial ehrliche, authentische und zugleich emotional konsequent aufwühlende Ballade „Der gekaufte Drachen“ (Liebe Frau Holder! Danke für diesen umwerfenden Text!!! Der Verf.), das so persönliche, wie mitreißende Pianochanson „Ich würd’ es wieder tun“ – eine klassische Überlebenshilfe bester Güteklasse -, sowie der kesse, aufreizende, bläserverstärkte Swing//Jazz-Cocktail „Schenk mir noch eine Stunde“ zum Einsatz.
Im Frühjahr 1982 kam ein weiterer Meilenstein in der unendlichen Karriere des Udo Jürgens in die Plattenläden: „Silberstreifen“! Aus dieser Super LP verkoppelten die Kollegen für „Best of“ den ebenso frechen, erotischen, gewollt machohaften und gleichsam augenzwinkernden Swing „Bleib noch bis zum Frühstück“, das pazifistische, hymnische, kritische, provokante, aber niemals auch nur in Nuancen peinliche, agitative, weinerliche oder gar „oberlehrerhafte“ Protestlied „Ich bin dafür“ (Lieber Udo! Stand womöglich hierfür Peter Maffays inhaltlich ähnlich ausgerichteter, krosser Deutschrocker „Dafür“ Pate, der nur ein paar Monate vor „Silberstreifen“ auf seiner Top-LP „Ich will leben“ zum Zuge kam und inhaltlich in dieselbe Bresche schlug?... ;)), sowie DEN Partyknüller überhaupt, „Ich war noch niemals in New York“ – niemals eine Single, nicht unbedingt Udos beste Komposition aller Zeiten – aber, spätestens seit dem medial aufgebauschten „Schlager-Revival“ in den 90ern, diejenige Udo-Nummer, zu der Musikfreunde von acht bis 80 regelmäßig abtanzen wie wild, die auf keiner Party im deutschsprachigen Raum, die etwas auf sich hält, vom anwesenden Discjockey vergessen werden darf – ja, letztlich derjenige Titel, der auch und gerade jüngere Menschen an das Gesamtwerk des großen Udo Jürgens herangeführt hat. Der Rezensent kann auf Chat-Bekannte von 17 bis 52 verweisen – ALLE diese kennen „Ich war noch niemals in New York“ in- und auswendig!
Aus dem 1983er-Album „Traumtänzer“ entnahmen die Kollegen die zeitnahe Friedensbotschaft „Die Schwalben fliegen hoch“; aus meiner unübertrefflichen Udo-Lieblings-LP „Hautnah“ (1984) hören wir auf „Best of“ das so liebevolle, wie leidenschaftliche Duett zwischen Vater Udo und Tochter Jenny, „Liebe ohne Leiden“ (eine Feststellung, die von überzeugten SM-Anhängern sicherlich nicht ganz so goutiert wird… ;)).
Die Produktionen aus 1985 („Treibjagd“) und 1986 („Deinetwegen“) wurden bei der Zusammenstellung hier analysierter Doppel-CD – aus welchem Grunde auch immer - (leider!!!) vollkommen übergangen. Es geht weiter mit dem semiklassischen Klangdrama „Die Welt braucht Lieder“ (aus dem hocherfolgreichen (Rang 14) 1988er-Werk „Das blaue Album“) – ja, und daran anschließend schwindeln die Verantwortlichen einwenig:
„Gib mir Deine Angst“ befand sich in der Urfassung bereits auf „Silberstreifen“ (1982), wurde aber 1989 „digital remastered“ für die Best-of-Doppel-LP „Sogar Engel brauchen Glück“ aufbereitet. So haben die Zusammensteller dieses gelungene Liebeslied einfach von „1982“ nach „1989“ verfrachtet, was der Qualität des Titels natürlich keinen Abbruch tut, aber die musikhistorische Genauigkeit der zuständigen Ariola-Frontliner schon einwenig in Frage stellt…
Dem Jahr 1991 – Album „Geradeaus“, sehr rockig, inhaltlich nicht selten überaus sarkastisch ausgerichtet – wird mit der intensiven Bombastballade „Mein größter Wunsch“ und der rasant rockenden, latent düsteren Polit-Abrechnung „Fehlbilanz (Zuwenig und zuviel)“ gehuldigt; aus 1994 ertönt bedauerlicherweise kein Beitrag aus der Spitzen-CD „Cafe’ Größenwahn“, dafür jedoch die Non-Album-Single „Das ist Dein Tag“, die der britische Gentleman-Entertainer Tony Christie zwei Jahre später auf Englisch als „This is your Day“ aufnahm.
Im new-romantischen, discotauglichen Synthi-Sound der „Pet Shop Boys“ arrangierte Udo 1995 den mutmachenden Superohrwurm „Heute beginnt der Rest Deines Lebens“, entnommen der äußerst überzeugenden CD „Zärtlicher Chaot“.
Die 1997er-Produktion „Gestern – Heute – Morgen“ wird mal wieder gänzlich ignoriert; dafür suchten die verantwortlichen Kollegen „Ich werde da sein“, den stillen und gleichermaßen aufbrausenden Titelsong von Udos 1999er-Album, sowie den liebenswerten Schleicher „Was wichtig ist“ für „Best of“ aus, der ursprünglich im Jahr 2000 auf dem klanglichen Jubiläumspräsent „Mit 66 Jahren“ aufgetaucht war.
2002 veröffentlichte der Weltstar aus der Alpenrepublik eine weitere, schlicht umhauende Silberscheibe namens „Es lebe das Laster“. Der bissige – zugegebenermaßen missverständliche – Titelgeber, der einen viel zu biederen Mann, der niemals in seinem Leben so recht los gelegt, „die Sau raus gelassen“ hat, karikiert, findet sich ebenso auf „Best of“, wie der Titelsong von Udos famosem 2005er-Chartbreaker „Jetzt oder nie“ – ein ultraeingängiger Pianoblues voller Hingabe und Unwiderstehlichkeit. Aus demselben Album präsentiert die Ariola auf „Best of“ den coolen, leicht funkigen Up-Tempo-Rocker „Frauen“, Udos ironische, aber niemals bösartige „Antwort“ auf Herbert Grönemeyers 1984er-Deutschrockklassiker „Männer“.
Ja, und dann ist der Maestro schlußendlich nur „Einfach ich“. Der Eröffner seines aktuellen Silberlings und die ebenfalls daraus entnommene Schmuseballade „Stärker als wir“ beschließen den „offiziellen“ Teil von „Best of“…
Duette zwischen alteingesessenen, unangreifbaren Schlagerhelden und nachgeborenem Nachwuchs genießen derzeit Hochkonjunktur. Man denke etwa an „Für immer jung“, den SCHEUSSLICHEN Zwiegesang zwischen der „Goldenen Stimme aus Prag“, Karel Gott, und dem so unverschämten, wie unerzogenen Berliner „Aggro-Rapper“ „Bushido“.
Als ich vernahm, daß Udo ad personam seinen Partyhit „Ich war noch niemals in New York“ gemeinsam mit den Germeringer Neo-Rockern „Sportfreunde Stiller“ für „Best of“ neu aufgenommen habe, war ich zunächst sehr, sehr, sehr skeptisch… Doch diese als Bonus-Track von „Best of“ dienende „Unplugged“-Fassung zwischen „jung“ und „reif“ ist tatsächlich sehr überzeugend und keineswegs nervtötend oder „übermodern“ ausgefallen. Die drei Jungspunde aus dem Münchener Umland zollen Udo einfach nur Respekt, sie verhunzen den Titel nicht, sie erweisen einem der größten Musiker des deutschen Sprachraums immense Ehre – Für DIESE Zusammenarbeit zwischen Nachwuchs und Weltstar gilt eindeutig: Daumen nach oben!
Schlußendlich:
Im Vorfeld der Veröffentlichung von „Best of“ gab es in den einschlägigen Schlager-, Fan- und 80er-Foren harsche Diskussionen ob der Songauswahl.
Wie bereits angemerkt, behagen auch mir die „Sprunghaftigkeit“, das Auslassen erfolgreicher Alben, ja, sagen wir ruhig, die „Beliebigkeit“ bei der Verkoppelung ganz und gar nicht. Viel gewünschte Raritäten, die es noch nie zuvor auf CD zu hören gab, kommen auf „Best of“ nicht vor. Manche Produktionen (z.B. „Leave a little Love“) werden übermäßig berücksichtigt, manche, nicht weniger treffliche LPs/CDs fielen grundlos unter den Tisch.
Aber… Udo Jürgens hat in seiner Karriere zig Klasse LPs/CDs veröffentlicht. Jeder von uns hat seine persönlichen Lieblingslieder aus dem unerschöpflichen Repertoire dieses großartigen Künstlers. Natürlich würde auch ich mich sehr freuen (und ich bin auch an den Themen dran!!!), wenn etwa die genialische, weil äußerst vielseitige 1979er-LP „Nur ein Lächeln“ oder sämtliche Kooperationen Udo Jürgens/James Krüss („Die Blumen blühen überall gleich“ etc.) erstmals auf CD aufgelegt würden.
„Best of“ aber ist vermutlich eher für Neueinsteiger und „Nachgeborene“ gedacht, als für uns Beinhart-Fans. Die Kompilation beinhaltet m.E. eine nicht zu verachtende Mischung aus allseits geläufigen Fetenkrachern und hochinteressanten Albumtracks. Die verantwortlichen Kollegen KONNTEN nicht anders handeln, als wie geschehen. Um einem Udo Jürgens in all seinen kreativen Facetten gerecht zu werden, müßte man vermutlich eine Fünf-, wenn nicht gar Zehn-CD-Box zusammenstellen.
Mir – ganz persönlich – gefällt vorliegende Verkoppelung. Sie zeigt unseren Udo, wie er leibt und lebt. Im Spannungsfeld von Schlager, Rock, Pop, Jazz, Chanson, Ballade ist alles vorhanden, was ihn und sein Talent ausmacht. „Best of“ ist ein Doppel-Album, das mit einiger Sicherheit dafür Sorge tragen wird wird, daß dieser phantastische Künstler jetzt und in Zukunft weiterhin im Gespräch bleibt, auch und gerade bei Jungs und Mädels der Sorte „Siebzehn Jahr – Blondes Haar“, die ansonsten wahrscheinlich gänzlich andere Klänge (vulgo: Lärm) präferieren. Hier hat die Ariola fraglos eine alles andere als verachtenswerte Arbeit geleistet – und wir (mich eingeschlossen) sollten keinesfalls jammern, wenn unsere ureigenen Udo-Lieblingslieder – rein aus Platzgründen – auf „Best of“ eben leider (!) nicht zum Zuge kommen!
Und nun heißt es: Herzlichen Glückwunsch zum 75., lieber Udo – auf daß Du uns noch lange, lange erhalten bleibst und uns auch in Futuro noch viele, viele schöne Lieder schenken magst!
Gesamtnote – Musik: Bestwertung!!! (mit drei Ausrufungszeichen!!!)
Gesamtnote – Zusammenstellung: „Jeder so, wie er mag“ ;) : )
Quelle: Holger Stürenburg, 25./26. September 2009